Es lebe der Sandkasten!

Lieber Klaus, wie sah Dein Sandkasten aus in der Kindheit?
Meine Kindheit erlebte ich in Freisenbruch und Katernberg, zwei grundverschiedenen Stadtteilen Essens.
In Freisenbruch hatten meine Eltern einen großen Garten, der ringsherum von viel Grün und landwirtschaftlich genutzten Feldern umgeben war. Auch ein schmales Bächlein floss vorbei. Auf einem kleinen, mir zugewiesenen Gartenstück baute ich Möhren, Radieschen und Kohlraben an. Außerhalb des Gartens errichtete ich Stau-stufen und kletterte auf Bäume. Und nachdem zur Erntezeit Mähdrescher die Felder rasiert hatten, ließ ich dort Winddrachen steigen oder organisierte wilde Stoppelfeld-schlachten. Dabei sorgten die kurzen, harten Stoppeln regelmäßig für aufgekratzte und blutverschmierte Wadenbeine. Aber das war egal.
Auch in Katernberg hatten meine Eltern einen Garten. Auch hier baute ich Gemüse an. Aber anstatt Kornfelder wie in Freisenbruch, boten nur die Brachflächen des Ruhrbergbaus Platz zum Spielen und Toben. Auch hier wurden Drachen steigen gelassen und vor allem Bumerangs in den verrußten Himmel geschleudert. Nur die Schlachten waren andere. Hier bewarfen sich keine Freunde mit den Erntestoppeln der Kornfelder, sondern Kinderbanden mit dem tauben Gestein des Fettkohleberg-baus. Blutige Platzwunden inklusive. Aber das war egal.
Auf das Spielen im Sand musste ich dennoch nicht verzichten. In den Sommerferien ging es regelmäßig an den größten Sandkasten, den man sich als Kind vor-stellen kann – den Strand von Norderney. Dort habe ich alles nachgeholt, was wegen Sandkastenmangels in Freisenbruch und Katernberg nicht möglich war.
Deine „Sandkastentrilogie“ spielt in einem und um einen großen Sandkasten – er hat sogar ein konkretes Vorbild im quirlig-kiezigen Stadtteil Essen Süd – aber das ist viel-leicht gar nicht so wichtig. Wichtig ist, was er in Bewegung setzt an Phantasie und Identität. Oder?
Der Sandkasten am Isenberg in Essen Süd ist derjenige, den ich am besten kenne. Mehrmals in der Woche komme ich dort vorbei. Er steht stellvertretend für alle Sand-kästen, in denen sich Kinder (unterschiedlich kultureller Herkunft) begegnen. Von Amrum bis nach Berchtesgaden, von Xanten bis nach Zwickau – überall existieren Sandkästen mit einem ähnlich heterogenen Umfeld.
Kinder spielen auf unterschiedliche Weise. Sehr konkret, wenn sie zum Beispiel mit einer über den Küchentisch geworfenen Decke eine Höhle bauen, mit ein paar Plastikfiguren (die nicht zwingend Tiere darstellen müssen) einen ganzen Zoo zusammenstellen, oder am Strand alles dafür tun, dass die kommende Flut die frisch gebaute Burg verschont. Meistens vergeblich. Aber das ist egal.
Oder in Gedanken, wenn sie zum Beispiel als schöne Prinzessin auf dem Rücken eines Einhorns ihrem ebenso schönen wie heldenhaften Prinzen entgegeneilen, sie es als Robin Hood, mit Pfeil und Bogen, den Reichen nehmen und den Armen geben oder als Superhero die Welt von einer Schreckensherrschaft befreien. Und manchmal sind sie einfach einsam und imaginieren sich einen Freund oder eine Freundin.
Wie auch immer sie spielen – immer hilft ihnen ihre Phantasie.
Hamza, Selemani und Fei verbinden die konkreten Möglichkeiten des Sandkas-tens mit ihrem eigenen gedanklichen Erfindergeist. Sie bauen Städte aus der Heimat ihrer Vorfahren und integrieren diese in ihre Phantasie-Geschichten. Dabei schlüpfen sie in viele unterschiedliche Charaktere, die sie mit Leben füllen. Diese Rollenspiele machen nicht nur Spaß, sie helfen auch, sich über eigene Stärken und Grenzen, Emotionen und das eigene Handeln bewusst zu werden, die eigene Identität zu finden.
Drei Geschichten aus drei Welten – sollten wir unsere Mitmenschen, die aus anderen Teilen der Welt kommen, vielleicht einfach mal zum Erzählen auffordern?
Das Schöne am Sandkasten ist ja, dass hier alle gleich sind. Nicht nur hier, aber auch hier begegnen sich Kinder auf Augenhöhe. Das bedeutet nicht, dass sich alle mögen. Aber Ablehnung entsteht häufig wegen besonderer Charaktereigenschaften und selten wegen unvertrauter Äußerlichkeiten oder Gewohnheiten, derentwegen sich manche Erwachsene bedroht fühlen. Bei Kindern wecken solche Dinge eher Neugier, sofern sie sie überhaupt wahrnehmen.
Was für ein trauriges Leben muss jemand führen, der nur seine eigene kleine Welt akzeptiert. Andere Kulturen sind so unglaublich reich an Schönheit und Inspiration, dass es schon an Erkenntnisverweigerung heranreicht, diese zu ignorieren oder sogar abzulehnen. Wenn dieser jemand den Mut aufbrächte, sich zu öffnen, um seinen ›fremden‹ Mitmenschen zuzuhören, würde er verwundert die Ohren spitzen und sich über seine verpassten Chancen ärgern. Es braucht beide: jene, die erzählen und jene, die zuhören.




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