Durch welche Straßen streunt dieser Köter, Karl-Heinz?

Karl-Heinz, gerade ist dein drittes Buch bei uns erschienen, ›Der Straßenköter – Gänge
durch das Ruhrgebiet‹. Auch Deine ersten beiden Romane spielen im Ruhrgebiet.
Das stimmt. Als ich den ersten schrieb, habe ich noch nicht gewußt, daß es einmal drei
Bücher werden würden, die Geschichten aus der Gegend erzählen werden, in der ich
groß geworden bin und in der ich lebe. Heute könnte man sagen, es ist eine Ruhrgebiets-
Trilogie geworden. Wer die drei Bücher liest, kann bemerken, daß sich Überschneidungen
zeigen. Personen, die in allen Texten vorkommen. Diese haben allerdings verschiedene
Namen und ihre Geschichten ähneln sich, sind aber nicht identisch.
Als ich darauf angesprochen wurde, habe ich es so erklärt. Es sind unabhängige
Geschichten. Man kann es sich so vorstellen. Drei Filmemacher haben, ohne voneinander
zu wissen, in den gleichen Archiven Materialien zu ihren Filmen gesammelt. Sie haben
allerdings unterschiedliche Auswahlen getroffen und die Informationen verschieden
interpretiert. Es sind drei Filme entstanden, die aus verschiedenen Blickwinkeln auf
teilweise die gleichen Menschen schauen.
Im ›Straßenköter‹ ist der Protagonist ein Mann in Deinem Alter. Er ist ein Sonderling und
Einzelgänger. Ist das autobiografisch?
Es gibt Schriftsteller, die in ihren Arbeiten stark auf eigenen Erfahrungen zurückgreifen.
Heute nennt man das ›autofiktional‹. Das hat es aber in der Literatur schon immer
gegeben – im ›Tristram Shandy‹ von Sterne, auch Arno Schmidt hat in all seinen Büchern
von sich selbst erzählt. Und ich bin ein Kind des Ruhrgebiets. Ich erzähle Geschichten
von hier. Das ist jedoch keine Revier-Romantik, keine Verklärung des Ruhrpotts.
Die Geschichten, die ich erzähle, sind sehr schräg und berichten von sonderbaren
Menschen. Blicken auf nicht unproblematische Leben, erzählen von diesen aber mit
Humor, der zuweilen sehr schwarz ist.
Geschichten, die autobiografisch sind?
Ja. In gewisser Weise bin ich ja auch ein Sonderling.
Du erwähnst Arno Schmidt. Dieser Schriftsteller hat für den ›Straßenköter‹ eine besondere Rolle.
Mein Protagonist, der Straßenköter Wolf König, bietet Gänge durch das Ruhrgebiet an.
Diese Gänge führen nicht zu den bekannten Sehenswürdigkeiten, sondern zu Trinkhallen,
Hinterhöfen, Industriebrachen, leerstehenden Ladenlokalen und Straßen, in denen sich
die Geschichten der Menschen wie Staub auf den Fassaden abgelagert haben.
Es gibt aber eine Nebenhandlung, die in die Lüneburger Heide führt. Denn die Gegenwart
wird König zunehmend fremd, die Welt scheint aus den Fugen geraten. König überlegt, ob
er dem Vorbild Arno Schmidts folgen soll, der 1958 in ein winziges Dorf in die Heide zog
und dieses Dorf dann zwanzig Jahre nicht mehr verlassen hat. Ich hatte die Arbeit an
dieser Nebenhandlung schon begonnen, als ich ein Schreibstipendium in Soltau bekam.
So konnte ich im Februar in der Heide vor Ort recherchieren. So wie ich in den übrigen
Kapiteln von konkreten Straßen im Revier erzähle, beruhen auch die Heidekapitel auf
eigener Erfahrung.




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