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Durch welche Straßen streunt dieser Köter, Karl-Heinz?

vor 6 Stunden
2 Min. Lesezeit

Karl-Heinz, gerade ist dein drittes Buch bei uns erschienen, ›Der Straßenköter – Gänge

durch das Ruhrgebiet‹. Auch Deine ersten beiden Romane spielen im Ruhrgebiet.


Das stimmt. Als ich den ersten schrieb, habe ich noch nicht gewußt, daß es einmal drei

Bücher werden würden, die Geschichten aus der Gegend erzählen werden, in der ich

groß geworden bin und in der ich lebe. Heute könnte man sagen, es ist eine Ruhrgebiets-

Trilogie geworden. Wer die drei Bücher liest, kann bemerken, daß sich Überschneidungen

zeigen. Personen, die in allen Texten vorkommen. Diese haben allerdings verschiedene

Namen und ihre Geschichten ähneln sich, sind aber nicht identisch.

Als ich darauf angesprochen wurde, habe ich es so erklärt. Es sind unabhängige

Geschichten. Man kann es sich so vorstellen. Drei Filmemacher haben, ohne voneinander

zu wissen, in den gleichen Archiven Materialien zu ihren Filmen gesammelt. Sie haben

allerdings unterschiedliche Auswahlen getroffen und die Informationen verschieden

interpretiert. Es sind drei Filme entstanden, die aus verschiedenen Blickwinkeln auf

teilweise die gleichen Menschen schauen.


Im ›Straßenköter‹ ist der Protagonist ein Mann in Deinem Alter. Er ist ein Sonderling und

Einzelgänger. Ist das autobiografisch?


Es gibt Schriftsteller, die in ihren Arbeiten stark auf eigenen Erfahrungen zurückgreifen.

Heute nennt man das ›autofiktional‹. Das hat es aber in der Literatur schon immer

gegeben – im ›Tristram Shandy‹ von Sterne, auch Arno Schmidt hat in all seinen Büchern

von sich selbst erzählt. Und ich bin ein Kind des Ruhrgebiets. Ich erzähle Geschichten

von hier. Das ist jedoch keine Revier-Romantik, keine Verklärung des Ruhrpotts.


Die Geschichten, die ich erzähle, sind sehr schräg und berichten von sonderbaren

Menschen. Blicken auf nicht unproblematische Leben, erzählen von diesen aber mit

Humor, der zuweilen sehr schwarz ist.


Geschichten, die autobiografisch sind?


Ja. In gewisser Weise bin ich ja auch ein Sonderling.


Du erwähnst Arno Schmidt. Dieser Schriftsteller hat für den ›Straßenköter‹ eine besondere Rolle.


Mein Protagonist, der Straßenköter Wolf König, bietet Gänge durch das Ruhrgebiet an.

Diese Gänge führen nicht zu den bekannten Sehenswürdigkeiten, sondern zu Trinkhallen,

Hinterhöfen, Industriebrachen, leerstehenden Ladenlokalen und Straßen, in denen sich

die Geschichten der Menschen wie Staub auf den Fassaden abgelagert haben.

Es gibt aber eine Nebenhandlung, die in die Lüneburger Heide führt. Denn die Gegenwart

wird König zunehmend fremd, die Welt scheint aus den Fugen geraten. König überlegt, ob

er dem Vorbild Arno Schmidts folgen soll, der 1958 in ein winziges Dorf in die Heide zog

und dieses Dorf dann zwanzig Jahre nicht mehr verlassen hat. Ich hatte die Arbeit an

dieser Nebenhandlung schon begonnen, als ich ein Schreibstipendium in Soltau bekam.

So konnte ich im Februar in der Heide vor Ort recherchieren. So wie ich in den übrigen

Kapiteln von konkreten Straßen im Revier erzähle, beruhen auch die Heidekapitel auf

eigener Erfahrung.


 
 
 

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