Poet in Residence: Mauermann und Arno Schmidt grüßen aus der Heide
- Peter Marx
- vor 11 Stunden
- 2 Min. Lesezeit

Karl-Heinz, du bist zur Zeit als „Poet in Residence“ in Soltau in der Lüneburger Heide. Wie darf man sich das vorstellen?
Stimmt, ich bin drei Wochen in Soltau, in der Südheide. Ich lebe in einer Dachgeschoßwohnung in der historischen Waldmühle, sitze gerade an meinem Schreibtisch und schaue in den verschneiten Park, durch den die Böhme fließt, der Fluß, der die Mühle einst antrieb. Die Stadt Soltau vergibt Arbeitsstipendien an Künstler, erwartet als Gegenleistung aber keine Gedichte, die die Heide preisen. Ich bin völlig frei in meiner Arbeit.
Bei einer Lesung hast Du Deinen jüngsten Roman „Das Archiv“ vorgestellt. Worum geht es da – und wie kam das beim örtlichen Publikum an?
Die Stipendiaten werden während des Aufenthalts durch den ›Freundeskreis der Künstlerwohnung Soltau‹ unterstützt. So wurde eine Lesung im Druckereimuseum in der Stadt organisiert. Die war sehr gut besucht, über fünfzig Menschen waren gekommen, um zu hören, was es mit diesem ›Archiv‹ auf sich habe, und was ›Ein Bilderbuch für Blinde‹ sei, wie das Buch im Untertitel heißt.
Sie ließen sich auf die Geschichte des Verrückten ein, dessen große Leidenschaft die Bilder sind und der sich in eine blind geborene Frau verliebt. Sie hörten über die Bilder im Rechenbuch fürs zweite Schuljahr, unter die Haut implantierte Fotos und warum der Mann seiner Freundin eine Kamera schenkt.
Es ergaben sich Nachfragen und eine Vielzahl interessanter Gespräche. Wir saßen noch Stunden nach der Lesung zwischen den alten Druckmaschinen und Setzkästen. Ein intensives Lese- und Hörvergnügen.
Wie nutzt Du die Zeit vor Ort konkret, woran arbeitest Du?
Auch meine übrigen Tage hier vergehen wie im Flug. Meine Haupttätigkeit: Ich schreibe. An meinem nächsten Roman, der den Titel ›Der Straßenköter – Gänge durch das Ruhrgebiet‹ tragen wird. ’Ich schreibe’ heißt jedoch nicht nur, daß ich mit Stift in der Hand oder Fingern auf den Tasten hier am Schreibtisch sitze. Viel zeitaufwendiger ist die Recherche und die Quellenforschung. So merkwürdig, phantastisch, ausgedacht und teilweise surreal meine Texte anmuten, bin ich ich doch ein genauer Beobachter, der den Geschichten auf den Grund geht. Ich habe eine nicht eben kleine Handbibliothek mit in die Heide genommen, die neben dem Schreibtisch steht. Ich lese also jeden Tag mehrere Stunden, exzerpiere, lege Textentwürfe an.
Zu meiner Arbeit gehört auch, stundenlange Gänge durch die Heidelandschaft zu machen und Orte in der Umgebung aufzusuchen, die für mich von Interesse sind. Insofern bin ich sehr glücklich, das Stipendium hier bekommen zu haben. Denn mein Straßenköter macht nicht nur Gänge durch das Ruhrgebiet. In einer Nebenhandlung bewegt er sich auch auf den Spuren des Schriftstellers Arno Schmidt und überlegt, die Großstädte an der Ruhr zu verlassen, in die Heide zu ziehen. Schmidt zog Ende der fünfziger Jahre mit seiner Frau in ein sehr kleines Dorf auf der Heide, wo sie äußerst spartanisch lebten. Schmidt verließ diese Zweisiedelei extrem selten. Seine Frau fuhr nach Frankfurt, um dort den ihm verliehenen Goethe-Preis entgegen zu nehmen … Schmidts Hauptwerke entstanden in der Heide, die oft auch der Handlungsort ist. Schmidt starb hier, 1979. Ich habe in der vergangenen Woche natürlich das ehemalige Wohnhaus in Bargfeld besucht.




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