"Früher gehörten Gedichte zum alltäglichen Kulturschatz"
- Peter Marx
- vor 18 Stunden
- 2 Min. Lesezeit

Wim, Du hast gerade Deinen zweiten Gedichtband veröffentlicht. Warum schreibst Du Gedichte, diese doch hoffnungslos anachronistische Gattung der Literatur?
Man sagt zu Recht, keiner liest mehr Gedichte, aber damit das so ist, muss einer sie ja schreiben. Scherz beiseite, es stimmt, in den Lesegewohnheiten des 21. Jahrhunderts spielt Lyrik außerhalb vom Deutschunterricht keine Rolle mehr. Das war in den Generationen zuvor ganz anders. Da gehörten Gedichte zum alltäglichen Kulturschatz. Ich erinnere daran, dass z.B. Soldaten in den Krieg zogen mit Rilke im Feldgepäck. Aber gerade in unserer heutigen, sich jeglicher existenzieller Deutung radikal entziehenden Zeit können Gedichte dem Leser einen ästhetischen Leitfaden an die Hand geben, der die Welt nicht rational, sondern intuitiv erklärt. Das verlangt jedoch die Bereitschaft, sich nicht allein auf die bloße Rezeption einzulassen, man muss auch in einen aktiven und assoziativen Dialog mit den Gedichten treten.
Du hast dieses Buch einem verstorbenen Freund gewidmet. Durch viele Gedichte weht ein Gefühl von Abschied. Hat sein Schicksal Dich beim Schreiben beeinflusst?
Das Buch war etwa gut zu zwei Dritteln niedergeschrieben, als erst seine Diagnose kam und ich dann seine Qualen und schließlich seinen Tod miterleben musste. Als er auf dem Totenbett lag, rief mich seine Familie an und bat mich, ich solle kommen und Abschied nehmen. Das war einer der berührendsten Momente meines Lebens. Da habe ich beschlossen, ihm dieses Buch zu widmen. Er war ein großer Mann voller Charisma, Altruismus und Herzenswärme, ein Held, ein Mensch, der Spuren hinterlässt bei allen, denen das Glück zuteilwurde, ihn gekannt zu haben. Insofern ist dieses Buch ein ganz besonderes Herzensprojekt für mich. Naturgemäß sind die während seiner letzten Monate entstandenen Gedichte düster, aber sie reflektieren auch stets die Möglichkeiten der Poesie.
Erstmals hast Du auch 9 graphische Werke in ein Buch von Dir aufgenommen. Wie kam es dazu?

Da das Buch - in realistischer Einschätzung der Verkaufszahlen - lediglich in einer sehr kleinen Auflage erschienen ist, wollte ich es unbedingt als bibliophiles Kleinod gestalten. Es wird eines Tages eine immense Wertsteigerung erfahren, vor allem die ersten 20 Exemplare, welche ich alle von Hand nummerieren und signieren werde.
Die graphischen Werke tragen zu solcher Besonderheit bei, obwohl ich als Autodidakt gestehen muss, dass ihre Qualität doch ein wenig hinter der der Lyrik zurückbleiben mag.




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