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"Gewalt endet nicht, wir enden."


Frank, in Deinem Bühnenstück greifst Du das Thema der „Trostfrauen“ auf; im Mittelpunkt stehen drei Frauen, die in das System der japanischen Militärbordelle der 30er und 40er Jahre geraten waren und sich nun, Anfang der 90er, darüber austauschen. Damals begannen die Frauen, für ihre Rechte zu demonstrieren, was weltweit Aufmerksamkeit erzeugte. Wie kamst Du auf diese Thematik, warum dieses Stück?

Dem Begriff der „Trostfrauen“ begegnete ich erst vor ca. fünfzehn Jahren durch einige Zeitungsartikel. Keine der zahlreichen Buch- oder Filmdokumentationen aus dieser Zeit hatten sich mit diesem Phänomen auseinandergesetzt. Das weckte meine Neugier. Als auch in Deutschland die Aufstellung von Denkmälern betrieben wurde und selbst deutsche Behörden sich querstellten, reizte mich das Thema auch literarisch. Der politische Bezug ist noch immer hochaktuell. Auch wenn kaum noch Trostfrauen leben, es macht nicht nur mit den Opfern etwas, sondern auch mit Tätern bzw. dem Tätersystem bis heute.

 

Hast Du zunächst auch an einen Roman gedacht oder war Dir gleich klar, dass es ein Theaterstück sein sollte?

Bereits mein Roman „in Mostar“ basierte auf einem Theaterstück. Manche halten meine Romane für Bühnenstücke in Prosa. Ein Theaterstück beinhaltet eine konsequentere Handlung und wirkt unmittelbar auf das Publikum. Ein Roman belässt dem Leser/in eine Distanz sowohl in der Aufnahme des Werkes als auch in der Wirkung. Für mich sind beide Kunstformen reizvoll. Eine strikte Trennung besteht für mich nicht. Übrigens arbeite ich bereits an dem Roman.

 

Siehst Du eine besondere Aktualität durch die aktuellen Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen?

Natürlich – und nicht nur dort. Gewalt steckt in uns Menschen und erst sie zu beherrschen formt uns zu Kultur–Menschen. Literatur als Kultur–Gut weist immer über das Ereignis an sich hinaus ins Allgemeine. Der Napoleonische Russlandfeldzug ist längst Geschichte. Tolstois Roman „Krieg und Frieden“ bleibt.

 

Zum Schluss: Was meinst Du mit dem Zusatz „Ein Kein-Akter“?

 

Friedensstatue in Berlin-Moabit. ein Mahnmal zum Gedenken an die „Trostfrauen“ (Mädchen und Frauen, die für die japanischen Kriegsbordelle des Zweiten Weltkriegs zwangsprostituiert wurden). Es soll zudem allgemein ein Symbol gegen sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Frauen sein.
Friedensstatue in Berlin-Moabit. Ein Mahnmal zum Gedenken an die „Trostfrauen“ (Mädchen und Frauen, die für die japanischen Kriegsbordelle des Zweiten Weltkriegs zwangsprostituiert wurden). Es soll zudem allgemein ein Symbol gegen sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Frauen sein.

In der Einführung des Stückes versuche ich bereits eine Erklärung. Der Begriff „Kein- Akter“  ist mehrschichtig zu verstehen (evolutionär, existentialistisch, moralisch, politisch). Die Gewalt und ihre Konsequenz „das Leiden“ ist in uns. Wir erhalten sie von unseren Vorfahren und geben sie wie die Gene an die Nachkommen weiter. Gewalt/Leiden endet nicht, wir enden. Es gibt also keinen Anfang und kein Ende. Vielleicht endete sie, wenn es keine Lebewesen mehr gäbe… In diesem Sinne sollte die Handlung bis Stückende nicht unterbrochen werden. Ein–Akter wollte ich es nicht nennen, weil inhaltlich eine klassische Dreiteilung besteht. 

Die Frauen besitzen daher auch keinen Namen. Sie sind ein weiteres Glied in dieser Kette. Aber auch ihr individuelles Leiden ist im subjektiven Sinn „unendlich“. Ihr gesellschaftliches Aufbegehren und die Reaktionen hierauf sind unendlich, solange keine wirkliche Aufarbeitung beginnt.


Vielleicht sieht die Leserin/der Leser den Begriff noch in einem ganz anderen Licht …

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