Wie lässt sich Erinnerung so „herstellen“, Jörg Potthaus?

Ein herzlicher Gruß vom Hummelshain! Frisch ausgepackt und ans Herz gelegt: "Rückleuchten" von Jörg Potthaus. Drei Fragen an den Autor:






1. Jörg, in Rückleuchten taucht der Erzähler tief ein in die späten 80er, frühen 90er Jahre; erzählt die Geschichten einer Liebe und einer Freundschaft. Mal ganz handwerklich betrachtet: Wie lässt sich Erinnerung so ins Detail hinein „herstellen“?


Bekanntlich ist "Erinnerung" etwas, das Erlebtes niemals 1:1 wiederherstellen lässt. Sie ist oft trügerisch, geschönt, unpräzise, zurechtmontiert, große Teile werden in unserem Inneren verborgen bleiben. Sich schreibend zu erinnern heißt deshalb auch, sich und sein Leben jeweils ein Stück neu zu erfinden: das erscheint mir nicht zuletzt als das Reizvolle an autofiktionaler Literatur. Darüber hinaus - gefragt nach dem Handwerklichen - helfen Tagebücher, Briefe und Fotos naürlich ungemein der Erinnerung auf die Sprünge.


2. Du schilderst alle Aggregatszustände einer großen Liebe und auch die Tragkraft einer „echten“ Männerfreundschaft. Bleibt da nur Melancholie des Rückblicks oder gibt das auch „Rückleuchten“ für die Gegenwart?


Im Vorgang des Erinnerns, des Nachspürens von dem, was in die Vergangenheit hinein- und aus ihr zurückleuchtet, entstehen natürlich Melancholie und Traurigkeit, zumal im Prozess des Altwerdens und Sich-immer-mehr-Entfernens. Gleichzeitig entwickeln die Rückleuchten aber auch eine gewisse Strahlkraft ins Jetzt des gelebten Augenblicks, vergangene und gegenwärtige Freundschaft und Liebe erscheinen in neuem, helleren Licht.


3- Das Paar, die Freunde und auch der Erzähler solo besuchen so manche Kneipe, in Essen wie an illustren Orten in aller Welt. An welche erinnert sich der Autor Jörg Potthaus besonders gern?


Aus allen besuchten gastronomischen Lieblingsplätzen - und da sind in den letzten 50 Jahren einige zusammengekommen - ragt die alte, längst der Geschichte anheimgefallene Kettwiger Traditionsgaststätte "Laupenmühlen" doch am meisten heraus. Ein unglaublich erfolgreiches Sozialexperiment - die Generationen friedlich vereint unter einem Dach (und das in den wilden 60ern und 70ern) - zugleich ein Ort der skurrilsten Typen mit ihren "1000 Geschichten" (die eigentlich alle noch einmal erzählt werden müssten), ein Wirtsehepaar voller Herzenswärme und -güte und eine Metapher für ein Kettwig, das es so lange nicht mehr gibt. Man könnte auch sagen: reine Literatur.


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