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Küsse, Beatles, Kohlenstaub: wie gehört das zusammen, Klaus Ulaszewski?


Eine Coming-of-age-Geschichte, also eine Art „Entwicklungsroman“, der im Katernberg der späten 70er Jahre spielt. Was hat Dich an dem Sujet gereizt und wie bist du es angegangen?


Meine ersten Veröffentlichungen waren allesamt rein fiktionaler Art. Nachdem die letzte Geschichte - ‚Das geringste Nachlassen der Aufmerksamkeit’ - fertig gestellt war, fragte ich mich, welche meiner Ideen als nächstes geschrieben werden wollen. Auf welche hatte ich am meisten Lust? Eine, die sich mir immer wieder ins Gedächtnis rief, hatte ich bereits schon einige Jahre zuvor zu schreiben begonnen, nach 20.000 Worten aber wieder zur Seite gelegt. Die Geschichte gefiel mir zwar noch immer, doch hätte ich sie neu und anders anlegen müssen. Danach stand mir nicht der Sinn.


Ich wollte etwas anderes, etwas neues ausprobieren. Nach und nach entwickelte sich ein atmosphärisches Bild von etwas Neuem, noch kein Sujet, keine Handlung, aber da war Buntes, Flirrendes, Lebendiges. Es war der Ausgangspunkt, der mich auf den kurzen Weg zu einer Liebesgeschichte führte und damit auch zu Erinnerungen an meine eigene Jugendzeit. Mit einem Mal sah ich, dass mir eine Coming-of-Age-Geschichte genau die Folie bot, auf der ich das Bild meiner bis dahin noch undeutlichen Vorstellungen zeichnen konnte. So bildeten Anekdoten aus meiner Jugend den Anfang des Schreibens, aber nicht den Anfang der Geschichte. Im Laufe des Schreibprozesses haben sie sich immer weiter von mir selbst entfernt, bis sie schließlich zu Mics Anekdoten wurden.


Vor allem zwei Dinge haben mich an dem Sujet ‚Coming-of-Age’ gereizt: Zum Einen das Eintauchen in die Gefühlswelt eines 16-järigen Jungen, auch, oder vielleicht gerade deshalb, weil ich, wie natürlich jeder andere Erwachsene auch, selber einmal 16 war. Über einen Tiefseetaucher oder Astronauten würde ich gewiss anders schreiben, obwohl auch sie mit dem größtmöglichen Maß an Sorgfalt bedacht werden würden.

Zum Anderen sind es die endlosen Möglichkeiten, die das Genre bietet. Gewiss - Herz, Schmerz, Spannung und Humor können Bestandteil eines jeden Genres sein. Aber mir scheint, hier liegen dem Autoren die Motive nur so zu Füßen. Man muss sie nur aufsammeln und aufschreiben.


Doch, gebe ich zu, habe ich das Potential, welches der Coming-of-Age-Roman bietet, erst während des Schreibens erkannt. Vorher hatte ich höchstens darauf gehofft.



Wie würdest Du Mic, Deinen Ich-Erzähler, charakterisieren?


Mic betrachtet sich als uncoolen, stinknormalen, eher schüchternen 16-Jährigen, der sich, wie jeder 16-Jährige, für Mädchen interessiert, selbst aber vollkommen uninteressant für Mädchen zu sein scheint. Immer wieder verliert er sich in romantisch verklärten Tagträumen. In diesen sieht er sich an der Seite einer aufregenden Freundin oder als Rockstar auf der Bühne, der von seinen Fans umjubelt wird, wie sein Idol Pete Townsend.


Mics Selbsteinschätzung entspräche der Realität, wäre es nicht die selektive Wahrnehmung eines noch nicht erwachsenen Teenagers. Eine seiner prägenden Charakterzüge, Bescheidenheit, verschleiert ihm den Blick auf Eigenschaften, die viel mehr zu bieten haben, als nur coole Andersartigkeit. Doch Ehrgeiz, Ausdauer, Kreativität und Mut, Verantwortungsbewusstsein und Liebenswürdigkeit erscheinen ihm so selbstverständlich und langweilig, dass es ihm kaum in den Sinn käme, ihnen einen besonderen Stellenwert beizumessen.


Trotz unerfüllter Sehnsüchte geht Mic als lebensfroh gestimmter Mensch durchs Leben. Alleine schon das durch eine Amsel verursachte Blätterrascheln kann ihn erfreuen, vor allem aber Musik, die ihm unverzichtbares Lebenselixier ist wie frisches Blut dem Vampir.

Und auf eine für die Geschichte unverzichtbare Fähigkeit, die ich hier nicht verraten möchte, ist er zwar stolz, hält sie aber, bescheiden wie er ist, für überflüssigen Schnickschnack.

Diese und andere von Mic kaum erkannten oder unterschätzten Eigenschaften und Fähigkeiten werden von jemand anderem umso stärker erkannt und geschätzt, was schließlich eine mehrere Jahrzehnte umfassenden Geschichte in Gang setzt.

Auch wenn sich ihm einige seiner werten Eigenschaften verbergen, so verschließt sich ihm sein Blick nicht auf weniger schmeichelhafte: Zum Beispiel unbedachte Bemerkungen, zu denen er sich gelegentlich hinreißen lässt.


Das Besondere an Mics Charakter zeigt sich in der Fähigkeit, nach Niederschlägen nicht lange zu verzagen, stattdessen rasch aktiv zu werden und dem Frust grundsätzliche Lebensfreude entgegenzuhalten. Mag sein, dass daher die gewisse Leichtigkeit herrührt, die dem Roman innewohnt. Aber auch andere Charaktere spielen diesbezüglich keine unbedeutende Rolle.


Das Ganze kommt sehr leicht daher, trotz Liebesleid und Konflikten fühlt man sich bei der Lektüre eher sommerlich beschwingt als von dicker Kohlenpottluft beschwert. Haben die 70er für dich so etwas Leichtes? Und welche Funktion hat hier Deine musikalische „Playlist“ im Anhang?


1976 war ich ein ebenso 16-jähriger Junge wie Mic es einer war. Auch ich lebte in Katernberg und kannte all die Orte, an denen Mic das eine und andere Abenteuer zu bestehen hatte. Doch im Gegensatz zu Mic, den eine pragmatische Leichtigkeit kennzeichnet, hatte ich eher eine ambivalente Einstellung zum Leben in Katernberg.


Natürlich ist es aufregend, wenn auf den Grashalmen klebender Kohlenstaub die Rundungen eines auf der Wiese liegenden Mädchens auf dessen T-Shirt nachzeichnet. Aber wie oft erlebt man so etwas und wie oft müsste man so etwas erleben, bis man auf Grashalmen klebenden Kohlenstaub aufregend findet?


Wenn man sich die Frage stellt, wie der Kohlenstaub überhaupt da hinkam, ahnt man, dass es mit der Reinheit der Katernberger Luft nicht zum Besten bestellt war. Und je nachdem, was auf der Kokerei Zollverein gerade so vor sich ging, versuchte man den Atem anzuhalten, entweder weil beißender Brandgeruch oder nach faulen Eiern stinkendes Schwefelgas die Luft geschwängert hatte. In besonders beeindruckenden Momenten schaffte die Kokerei beides auf einmal.

Heute, als ein Denkmal der Industriekultur, hab’ ich die Kokerei ganz gern.


Erste Küsse, im Schrebergarten abhängen, auf der Brache Bumerang werfen und im Freibad mit Klamotten ins Wasser springen - das war toll, klar.

Doch gab es auch eine Menge unfreundlicher Jugendliche, vor denen man sich besser in Acht nahm, wenn einem der Sinn nach allem anderen, aber nicht nach Prügeleien stand. Die wenigsten dieser Typen waren faire Kämpfer, wie Wolf es einer war.

Dann die verdammte Schule, die genervt hat. Okay, Schule nervte nicht nur in Katernberg und nicht nur damals - ändert aber nichts am Generve.


Immerhin waren es die 70er und junge Lehrerinnen trugen Minirock und bauchfrei – das entschädigte zumindest die Jungs für manche Unterrichtsqual. So gesehen war Schule manchmal sogar herrlich, im Gegensatz zu den ganz normalen Lebensumständen, die Katernberg - und bei weitem nicht nur dieser Stadtteil - für die Menschen damals bereithielt.

Den Lärm, den LKW verursachten, kann man sich kaum vorstellen. Wenn LKW mit unbeladenen Anhängern bewaffnet waren, war das Getöse der klappernden Bracken ohrenbetäubend. Und wenn unbeladene LKW mitten in der Nacht durch die Straßen donnerten, war an Schlaf nicht mehr zu denken. An Alpträume schon. Ich erinnere mich, dass ich als Kind immer müde ich in den Unterricht kam, was nicht an der Uhrzeit lag, zu der ich Schlafen gegangen bin.


Leichtigkeit? Klar, die war auch da. Siehe erste Küsse u.s.w. Aber darüber hinaus gab es sowohl für Mic als auch für mich die Musik. Musik, die eigentlich alles kann – vor allem Leichtigkeit.

Jeder einzelne, in die Geschichte eingebundene Song unterstützt die Atmosphäre oder Dramaturgie der jeweiligen Situation. Die Playlist im Anhang erinnert noch einmal an das Lebensgefühl, das einen großen Teils des Romans ausmacht.

Meine persönliche Playlist sähe nicht viel anders aus - etwas schon, aber nicht grundsätzlich anders. Eine Menge Überschneidungen wären kaum zu vermeiden.


Mics Helden waren die Beatles. Eigentlich war er zu jung für die Beatles, so wie auch ich. Aber Mic hatte seine Tante, die ihm auf die Sprünge geholfen hatte. Eine solche Tante fehlte mir. Ich selber habe die Beatles erst später entdeckt. Meine Helden waren Steve Harley & Cockney Rebel, Supertramp und The Who, die neben anderen, auf Mics und meiner Playlist zu finden wären.

Mics leben war von Musik erfüllt. Später ist er sogar zum Musiker geworden. Neugierig könnte man Fragen: Wessen Musik hört er eigentlich heutzutage? Zu einem nicht unbedeutenden Maße bin ich ja darüber im Bilde. Neben anderen sind es: The Düsseldorf Düsterboys, Kurt Vile oder Khruangbin.


Dass die Geschichte eine gewisse Leichtigkeit zu offenbaren scheint, erfreut mich ganz besonders. Von Anfang an war es eine riesige Lust genau diese Geschichte zu erzählen. Und von Anfang an war es eine unverschämt große Freude diese Geschichte genau so zu erzählen.


Das Buch bleibt nicht in der Jugend des Autors stehen, sondern spannt den Bogen bis in die Gegenwart. Was ist vom jungen Mic im Älteren geblieben?


Mic ist romantisch und träumerisch veranlagt. Diese Eigenschaften legt er auch als Erwachsener nicht ganz ab. Und trotzdem geht er schon als 16-Jähriger die Dinge an, steht im Leben. Da wundert es nicht, dass aus dem damals noch Gitarre übenden Teenager ein erfolgreicher Musiker wird, der mit seiner Band zwar erträumte, aber nie erhoffte Erfolge feiert. Doch erwähnt Mic diese Erfolge nur am Rande, nur soweit sie den Fortgang der Geschichte betreffen. Natürlich genieß er seinen Erfolg, aber eher still und für sich. Der große Lautmaler und Selbstdarsteller ist er als Erwachsener nicht geworden. Auch in diesem Punkt ist er sich treu geblieben, hat er sich nicht weit entfernt, von seiner bescheidenen, zurückhaltenden Art. Und wie schon als Teenager übernimmt er Verantwortung für andere, trotz ihn belastender Selbstzweifel. Auch diese hat er nie ganz abgelegt.


Am Ende zeigt sich Mic als gestandener Mann, in dem sich immer noch all die Eigenschaften des 16jährigen wiederfinden. Nur ihre Gewichtung hat sich etwas verlagert: weniger verklärte Träumerei - mehr nüchterner Realitätssinn; weniger Aktionismus - mehr zielgerichteter Tatendrang; weniger Projektion auf andere - mehr Selbstgewissheit. Und weniger romantische Verklärung, dafür mehr Erkenntnis über das Hier und Jetzt - das Sein. Doch diese Einschätzung würde Mic niemals unterschreiben.




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